Evangelisch-lutherische
Kirchengemeinde
Eckersdorf
St. Ägidius

23.05.15: Gedanken zum Völkermord an Armeniern von Pfarrer Reinhard Schübel

Widmung für die Armenier und ihre frühe christliche Kultur in Verbindung mit der St. Helena-Kapelle in der Grabeskirche Jesu in Jerusalem.

Sehr geehrte Mitchristen,
in diesen Monaten gibt es bedeutende Jahreszeiten von abgrund-tiefen verbrecherischen Geschehnissen. Einhundert Jahre her ist der Völkermord der Türken
an den Armeniern, dessen Beginn die Ermordung von vielen armenischen Führungskräften in Istanbul am 24.April 1915 war. Das Ziel der sog. Jungtürken, die das osmanische Reich kurz vorher übernommen hatten, war ein radikal nationalistischer Staat.
Und sie schreckten nicht vor der Ungeheuerlichkeit zurück, die christlichen Armenier zu liquidieren. Sie wissen vielleicht, dass etwa eine Million fünfhunderttausend persönliche Schicksale an Opfern zu beklagen waren. Das damalige Deutsche Kaiserreich wollte seinen Kriegs-Verbündeten Türkei um jeden Preis halten und schritt nicht ein, opferte also auch in dieser Hinsicht wider besseres Wissen die Glaubensbrüder in Christus. Man sieht also, wie weit der christliche Anspruch und die Wirklichkeit in der wilhelminischen
Ära auseinander klafften.
Dieser Völkermord an einem hohen Prozentsatz der Armenier wurde in den damaligen Folgejahren so gut wie tot geschwiegen, zumindest nicht wirkungsvoll thematisiert.
Daher hat wohl Hitler in seinen finsteren Plänen an diesem Beispiel Maß genommen, wenn in den aktuellen Veröffentlichungen die rhetorische Frage von
ihm erörtert wird, wer denn noch von dem spricht, was den Armeniern passiert ist.....
Merkwürdiger Weise hat erst in den vergangenen Monaten der Deutsche Bundestag, sein Präsident und der Bundespräsident die diplomatische Lauheit hinter sich gelassen, etwas Mut zusammengenommen und den Völkermord an den Armeniern als das bezeichnet, was er war.
Nicht erst 1915 mussten die Armenier große Bedrängnisse überstehen, die Fluchtbewegungen auslösten. Bereits in der ausgehenden Antike, im 5.Jahrhundert n. Chr. kamen viele Armenier nach Israel und fanden in Jerusalem Zuflucht. Seitdem gibt es das armenische Viertel in der Jerusalemer Altstadt mit einem Kloster, Wohnbebauung, der Kathedrale St. Jakobus und einer bedeutenden Bibliothek. Kaum 300 m entfernt tragen 4 Säulen einen Teil der Grabeskirche Jesu Christi, dem wichtigsten Gebäude der Christenheit. An diese Säulen in der dortigen armenischen St. Helena-Kapelle lehnten sich seit dem 7.Jahrhundert unzählige Pilger erleichtert hin und trugen mit ihren Gaben zu einem Mosaikfußboden bei, auf dem u.a. etwa die typischen fünfeckigen armenischen Kirchen zu erkennen sind.
Das mehr an der Anbetung Gottes und der praktischen Nächstenliebe orientierte Glaubenswesen der Armenier (s. Gregor der Erleuchtete und das Buch Narek)
ist wichtig für die gesamte Christenheit, gerade weil es nicht dem griechisch-
lateinischen Paradigma folgt, welches zu sehr dazu neigt, aus dem christlichen Glauben eine philosophische Rechenaufgabe zu machen.
Darum Solidarität, Gerechtigkeit und Gottes Segen für diese älteste (seit 301 n.Chr.) christliche Nation der Welt!
R.Schübel

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